Jo Pestum studierte Malerei und arbeitet als Schriftsteller und Film-, Funk- und Fernsehautor. Er zählt zu den bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Mit seinen besonderen Weihnachtskrimis hat er ein Konzept geschaffen, das sich bei den Lesern bewährt hat.

Jo Pestum im Interview

Was feiern Sie lieber – Geburtstage oder Weihnachten?

Die Frage ist leicht zu beantworten. Ich feiere weder Geburtstag noch Weihnachten. Bei solchen Anlässen ziehe ich mich tief in meine Höhle zurück und bin sozusagen gar nicht da.

In diesem Jahr erscheint bereits Ihr 13. Weihnachtskrimi. Wie kamen Sie auf die Idee, Weihnachten und Krimi zu verbinden?

Damals kam vom Arena Verlag die Anfrage, ob ich nicht Lust hätte, ein "etwas anderes" Weihnachtsbuch zu schreiben. Vor allem originell sollte es sein. Da habe ich mir dann einen Weihnachtskalender ausgedacht, den die Mädchen und Jungen nicht zum Futtern, sondern zum Lesen gebrauchen können. Weil diese Idee vielen Leuten gefiel, hat es dann immer neue Weihnachtskrimis gegeben.

Was muss man beachten, wenn man solch einen Krimi in 24 kurzen Kapiteln schreibt?

Wichtig ist, dass jedes Kapitel einen logischen Schluss hat, gleichzeitig aber durch eine Frage neugierig macht auf die Seiten für den nächsten Tag.

Was sind Ihre schönsten Kindheitserinnerungen an Weihnachten?

Ich habe kaum schöne Erinnerungen an Weihnachten aus meiner Kinderzeit. Damals war Krieg. Bombennächte in der Großstadt Essen. Verwandte und Bekannte zogen als Soldaten an die Front und kamen nie wieder zurück. Da fielen die Kriegsweihnachtsfeste in der Familie eher spärlich aus.

Konnten Sie sich als Kind zurückhalten, oder waren bei Ihnen die Türchen des Adventskalenders schon vor dem 24. Dezember alle geöffnet?

Ich glaube, den Brauch mit den Adventskalendern voll S¨ßigkeiten gab es in meiner Kindheit noch nicht. Was hätte meine Mutter auch hineinstecken können in solch einen Kalender? In der Kriegs- und Nachkriegszeit ging es darum, nicht zu verhungern. Von süßem Zeug konnten wir nur träumen.

In Ihrem neuen Weihnachtskrimi spielt Raffael Gitarre und hält wenig von "schnulzigen" Weihnachtsliedern. Entspricht das auch ihrem privaten Musikgeschmack?

Es gibt ein paar wunderbare, sehr alte Weihnachtslieder, die aber kaum noch bekannt sind. Die meisten Weihnachtslieder empfinde ich als albern und schnulzig. Sie verkitschen die Ernsthaftigkeit der Weihnachtsgeschichte, passen aber zur Stimmung der Kaufrauschweihnachten.

Die Protagonisten in ihren Krimis haben einen besonderen Sinn für Gerechtigkeit. Geht es Ihnen genauso?

Mir scheint, alle Krimi-Autoren sind im Grunde Moralisten, auch wenn sie das meist hinter Zynismus verstecken. Also sehnen sie sich nach Gerechtigkeit, gerade weil sie in unserer Gesellschaft oft so schwer herstellbar ist. Hier liegt natürlich auch das Motiv für die Figuren meiner Geschichten – es ist auch mein Motiv. Übrigens schreibe ich ja auch Krimis, die ganz und gar nicht in der Weihnachtszeit spielen.

Ihre Krimis sind besonders realitätsnah. Warum?

Wenn Kriminalgeschichten hier und heute handeln, müssen sie sich an der Wirklichkeit orientieren, denn sonst gehören sie in den Bereich der Fantasy-Literatur oder der Märchen. Ich möchte, dass meine Leserinnen und Leser die Erfahrungen ihres Alltags in meinen Geschichten wiederfinden, damit sie sich in die Szenerie hineinversetzen können und Anteil nehmen am Schicksal der geschilderten Personen.

Wie gelingt es Ihnen, sich in Ihre jugendlichen Protagonisten einzufühlen?

Es ist wohl eine Frage der Vorstellungskraft. Gewiss helfen Erinnerungen an die eigene Jugendzeit, denn manche Grundmuster im Denken und Fühlen sind zeitlos und kehren bei jeder neuen Generation wieder. Aber die Lebensumstände und die Sprache ändern sich und sind in einem ständigen Prozess. Ich beobachte, höre zu, vermeide aber, mich anzubiedern mit allzu modischen Sprachfloskeln. Vielleicht vermitteln mir auch meine Enkel einen gewissen Zugang zum Selbstverständnis der jungen Leute.

Was inspiriert Sie zu neuen Geschichten?

Ach, der Kopf ist voll mit Geschichten! Es sind viel zu viele, ständig kommen neue hinzu. Ein Gang durch die Stadt, eine Landschaft, ein Gesicht, ein konkretes Erlebnis, irgendein Satz, den ich aufschnappe… All diese scheinbaren Kleinigkeiten lösen Anfänge von Geschichten bei mir aus. Aber von der Idee bis zum fertigen Buch ist es ein langer Weg.

Bewahrt man als Autor von Kinderbüchern länger das Kind in sich?

Was soll ich zu "dem Kind in mir" sagen? Das ist wohl nur so eine Redensart. Da sind selbstverständlich undeutliche und auch starke Erinnerungen an das Kind, das ich einmal war, doch dieses Kind ist mit mir gealtert. Von "Bewahren" kann eigentlich keine Rede sein. Alles verändert sich. Ich kann nur mit meinen Gedanken von heute etwas von dem Kind von damals empfinden: Ängste, Schmerzen, Glücksgefühle… Da ist allenfalls so eine Art Echo. Außerdem schreibe ich ja nicht nur Kinderbücher, sondern auch Romane, Lyrik, Filmdrehbücher, Hörspiele, Jugendbücher und, und, und.

Sie sind auch für Ihre Malerei mehrmals ausgezeichnet worden. Schreiben und Malen, kann man das vergleichen?

Ich habe ein paar literarische Auszeichnungen bekommen, zuletzt den Rheinischen Literaturpreis, und auch einige für meine Malerei. Malen und Schreiben haben viel Gemeinsames. Es geht um Botschaften. Nicht von ungefähr widmen sich viele Autorinnen und Autoren auch der Malerei und der Grafik. Oft sind es äuhnliches Aussagen mit unterschiedlichen Mitteln.

Können Sie sich vorstellen, jemals mit dem Schreiben aufzuhören?

Klar, meine Fantasie reicht aus, mir vorzustellen, dass ich mit dem Schreiben irgendwann aufhöre. Aber das heißt ja nicht, dass ich das will! Schön wäre es, wenn die Lust am Fabulieren bis zum letzten Atemzug anhielte. Schauen wir mal, ob das Gehirn mitspielt.